Alles ganz normal

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Star Wars 328

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Jeder ist ein Idiot – auf die eine oder andere Art. Herauszufinden, welcher Art der eigene Schwachsinn ist und woher er stammt, ist manchmal gar nicht so einfach.

Mein Dachschaden hat mit Computern zu tun. Der Anfang war ziemlich unspektakulär und entsprang einer treibenden Kraft, die normalerweise jeder besitzt: Neugier. Meine führte zur Anschaffung meines ersten Computers. Das war zu einer Zeit, als „Homecomputer“ noch etwas für Insider und Fehlermeldungen wie „4 in 100“ („Bildschirm voll“) nichts Lächerliches waren, denn RAM-Größen wurden in Kilobytes gemessen und ein „Elektronengehirn“ war etwas für Leute mit Diplom.

Mittlerweile geht der Wert eines Computers mit millionenfach größerer Speicherkapazität gegen Null und ein Haushalt ohne Flatrate gilt als rückständig. Mein Erstaunen hielte sich in Grenzen, wenn in Kürze jedes blöde Vieh über ein Postfach der Art „Schaf_14@hansens-weide.edu“ verfügte und der Zaun um Hansens Weide einen Zweitnutzen als WLAN-Antenne in einem auf IPv6 basierenden Netz fände.

Warum auch nicht? Ein Schaf ist schließlich auch nur ein Mensch.

Hätte ich mein Konto nicht immer wieder zugunsten der nächsten Hardware-Anschaffung geplündert, könnte ich mich wahrscheinlich auf meine eigene Insel verkrümeln und dort den Rest meines Lebens genießen. Aber was soll’s? Zum Ausgleich verfüge ich heute über mehrere Persönlichkeiten und der größere Teil hatte bei der ständigen Beschäftigung mit den neuesten Techniken (als Hart- oder Weichware) eine Menge Spaß. HTML, VRML, Akustikkoppler und Datenfernübertragung sind Begriffe, die einer Welt entstammen, in der ich restlos allen Personen in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis jederzeit weit voraus war. Es gibt unter diesen Leuten niemanden, der früher als ich etwas mit www, http:// oder dem @-Zeichen anfangen konnte.

Meine erste Arbeitsstelle fand mich, weil ich der Einzige war, der sich in der von mir betreuten Mailbox nicht unter einem Pseudonym eingetragen hatte – wozu auch sollte ich mir so etwas ausdenken? Auf einen Buchstabensalat wie meinen Namen kommt man nicht einmal im schlimmsten Vollrausch. Und als Übertragungsfehler konnte so etwas schon damals nicht mehr entstehen, weil es bereits Übertragungsprotokolle mit Fehlerkorrektur gab.

Dank meiner EDV-Kenntnisse, meines Englisch-Sprachschatzes und der Tatsache, dass ich Zehn-Finger-Tipper bin (eine angenehme Nebenwirkung meiner ätzenden Ausbildung zum Industriekaufmann), war mein als Übersetzer für Computer-Fachliteratur erstes selbstverdientes Geld nicht von schlechten Eltern – und weil mein erster Arbeitgeber ein Zweiergespann durchgeknallter Workoholics war, konnte ich mich vom Start weg nicht nur in Tag-, sondern auch in Nachtarbeit üben. Zum Ausgleich wurde in auftragsschwachen Zeiten Tetris und Spacequest gespielt – einen großen Teil meiner Freizeit verbrachte ich mit meinen Airbrushes; aber nur den Teil, den ich nicht mit der Computerei erschlug.

Nachdem ich die Anfänge von DTP (Desktop-Publishing) und den für Männer nahezu unvermeidlichen Staatsdienst hinter mich gebracht hatte, wurde es mir in dem Übersetzungsbüro langweilig und ich wechselte zur Tochterfirma einer Werbeagentur, deren Geschäftszweck in Technik-Dokumentation bestand. Dort konnte ich die nächsten drei bis vier Jahre damit verbringen, mein Wissen über computergestützten Satz (DTP) und ebensolche Grafik zu vervollständigen, bevor ab Mitte der Neunziger so richtig die Post abging: Das Internet war entdeckt worden. Außerdem hatte ich Linux entdeckt und „Multimedia“ war das Buzzword, das in den Denkhallen tausender Managerdeppen ein Vakuum erzeugte. Dementsprechend wichtig und dringend waren Anschaffung von Soundkarte und High-Speed-Modem. Und so sicher wie das Amen in der Kirche war die Notwendigkeit, mein Kommunikations-Equipment an das topaktuelle und atemberaubend schnelle ISDN-Netz des unverschämt teuren Monopolisten Deutsche Telekom anschließen zu müssen.

Entsprechend weit war das Feld der Dinge, mit denen ich mich eine lange Zeit intensiv beschäftigte: Mit Hyperlinks, Image-Maps und Lingo (eine Programmiersprache) im Kopf ging ich schlafen, mit Shellskripten, Netzwerkmasken und Logdateien wachte ich auf. Und weil es Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit fördert, lerne ich derzeit C++.

Wenn Dich also der Gedanke quält, Du könntest vom Wahn berotzt sein, weil Du Computer magst, gerne chattest oder bei Ebay einkaufst, dann beruhige Dich: Du bist nicht allein.

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